Was gesagt werden muss.Harte Bretonen, coole Pariser, nuschelnde Provencalen, abtrünnige Korsen, kehlige Elsässer. Was haben alle diese Volksgruppen gemeinsam? Richtig, sie sind Einwohner der Republik Frankreich. Manchen gefällt das, manchen nicht. Aber in einem sind sie sich immer einig. Jeder ist der Allergrösste und wir hassen Ausländer. Und das lassen wir sie spüren.
Gut, damit sind alle Vorurteile bedient und wenn man kein Weichei ist kommt man den Franzosen so wie sie einem kommen und dann funktioniert das bestens. Ich weiss wovon ich rede, war ja schließlich oft genug dort. Und ich mag sie, die alten A rschgeigen.
Wer in Karlsruhe französisches Flair geniessen will fährt entweder ins Elsass oder in den Ochsen nach Durlach. Heute waren wir zur Abwechslung mal in Durlach, Anreise mit der Stromschachtel eine ganze Stunde. Und jetzt kommt die für mich wahrscheinlich schwierigste Restaurantkritik die ich jemals geschrieben habe.
Folgende Grundvoraussetzungen sollten beachtet werden:
1. Ich war schon mal dort und es war ausgezeichnet.
2. Wir hatten heute einen Groupon Gutschein, 5-Gang Überraschungsmenu exklusive Getränke.
Der Empfang im Ochsen ist höflich aber distanziert. Zwei Herren in schwarzen Anzügen stehen bereit (einer davon, ein ziemlicher Schrank, erinnerte mich an einen französischen Schauspieler, aber ich bin bis jetzt nicht draufgekommen an welchen) und wir werden umgehend als Grouponschmarotzer identifiziert und am Katzentisch neben der Eingangstür platziert. Im doch recht grossen Lokal ist ein Tisch besetzt.
Neben dem Schrank kümmern sich fortan noch der von mir als Maitre gedeutete Restaurantchef (mit sehr starkem Akzent kokettierend, ich wette der kann akzentfrei deutsch) und der elsässische Sommelier um uns. Und ich nehms gleich vorweg: Der Sommelier war mein Kumpel, die anderen werdens nicht mehr.
Das Überraschungsmenu lag als A5 Faltblatt auf dem Tisch und wies folgendes aus:
Entenleberpraline in Pistazien auf einem Gelee eines Rosé aus der Charente
Strudel mit schottischem Wildlachs und Koriander an Riesling
Ente a l’orange mit Gnocchi und Gemüse
Käseauswahl
Creme brulee mit Vanilleeis und Schnickschnack.
Grundsätzlich hatte ich daran nichts auszusetzen. Allesamt Klassiker, abgesehen vom Lachsstrudel.
Wir wurden gefragt ob es Unverträglichkeiten oder sonstige Unstimmigkeiten gibt, das Menu könne selbstverständlich umgebaut werden. Wir verneinten. Alles bestens.
Als uns zum Aperitif ein Sherry oder wahlweise ein Cremant rose angeboten wurde hab ich kurz gestutzt. Normalerweise verkauft man da doch gleich mal ein Glas Champagner für 13 Euro. Und in einem Franzosenladen doch erst recht. Seltsam. Gut, vielleicht dachten sie da schon, dass sie es mit armen Groupon Schluckern nicht übertreiben sollten. Wir nahmen den Cremant, wenn er uns den Bollinger nicht anbietet ist es sein Problem.
Mir wurde die Weinkarte überreicht, die eine meiner Meinung nach sehr spärliche Auswahl motorenölähnlicher Chardonnays enthält. Und genau die will ich. Ich machte es dann am Preis fest. Ein 2007er Kaiserstühler für 59 Euro. Serge kam und holte mich etwas runter. Er meinte wir sollten mit dem Weissburgunder mit Chardonnay beginnen (auch 59 Euro) und dann noch einen draufsetzen. In diesem Moment war ich glücklich, denn er hatte erkannt, dass ich zwei Flaschen ordern würde. Er versprach grosse Kunst.
Ich erwartete den nun folgenden obligatorischen Gruss aus der Küche, das amuse geule oder auf neudeutsch vornehmer das amuse bouche. Das kam aber nicht.
Es wurde der erste Gang aufgetragen, die Entenpraline, weitestgehend kommentarlos, dazu eine Scheibe getoasteter Brioche und etwas knuspriges Brot im Körbchen.
Kein Amuse, keine Butter - reduce to the max.
Die zwei Pralinen (eine hätts getan) waren ausgezeichnet, ebenso das Weingelee und die Saucentupfer auf dem Teller. Geschmacklich gabs nichts auszusetzen.
Mein erster Gedanke: Genauso sehen meine Teller auch aus.
Serge war inzwischen mit dem Wein parat, traf meinen Geschmack, einwandfrei.
Es wurde abgetragen und wenige Minuten später stand der Strudel auf dem Tisch. Wieder ohne ausufernde Informationen.
Mein erster Gedanke: Genauso sehen meine Teller auch aus.
Aber! Der Strudel in Bonbonform mit der umschmeichelnden Sauce war schon, also schon, also ziemlich geil. Trotz des Korianders, der sich vornehm im Hintergrund hielt war das eine kleine Bombe. Garpunkt Lachs perfekt, Anrichte und Garnitur aber minimal, weniger geht echt nicht.
Gesellschaftlich hatte sich inzwischen etwas ergeben. Sechs Personen, drei Pärchen. Drei Softwareentwickler mit ihren Frauen. Nr 1 Nagelstudio, Nr 2 Nagelstudio, Nr 3 Sonnenstudioaufsicht. Sie wurden empfangen mit den Worten ‘Sie haben den Groupon Gutschein?’ und bekamen den zweiten Katzentisch neben uns. Fünf Meter weiter hatten sich inzwischen zwei Rentnerpärchen eingefunden, ganz offensichtlich Stammgäste, und einer schwadronierte ohne Punkt und Komma von seiner Reise durch Kambodscha und Vietnam. In südbadischem Akzent. Er hat nicht rumgeschrien, aber es war auch nicht zu überhören. Dagegen waren Nr1-3 echt ganz leise, das hätt ich nicht gedacht.
Der Hauptgang kam angeschossen. Die Ente. Mit Gnocchi und etwas Blumenkohl, Karotte und Broccoli. Und Sössle.
Wer bisher aufmerksam mitgelesen hat weiss was ich als erstes dachte. Die Ente hatte eine tolle Kruste, war aber innen roh. Mir gefällt das. Aber ich denke, dass das 90% klassischer Groupon Gäste wieder in den Ofen zurückschicken würden, sich aber nicht trauen es zu sagen.
Die Ente war zart, die Gnocchi fluffig, das Gemüse knackig. Passt.
Serge kam mit dem Upgrade und wir gingen eine rauchen.
Zurück am Tisch gabs die Offenbarung. Serge meint, dass nur die Burgunder richtigen Chardonnay machen können. Die Badener und Pälzer mühen sich wohl, die Spanier und Italiener haben sowieso keine Ahnung.
Er servierte uns einen Chardonnay aus dem Burgund. Und ohne jetzt hier den Oberweinkenner (bin ich ja net) oder irgendein Geschwätz rauszuhängen: Ein Traum! Voll und rund, atemberaubend - also wirklich eine Granate. Wir blubberten noch ein wenig darüber, aber da bestand volle Übereinstimmung. Nach dem Preis hab ich gar nicht erst gefragt. War mir auch egal.
Zurück vom Nikotinausgleich kam der Käsewagen angerollt. Sehr beeindruckend.
Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sie bemerkt haben es nicht mit absolut blutigen Amateuren zu tun haben.
Das, das, das und gut ist.
Der Brie, ein echter Primitivkäse, war der Vollkracher. Ich dachte kurz darüber nach den Wagen noch mal anrollen zu lassen. Allerdings bin ich da Fan, ist ein Lieblingskäse von mir. Muss über den Tisch laufen und man muss das Gefühl haben dazu Ammoniak zu trinken. Jedem seine Perversion.
Inzwischen stellte ich fest, dass der Meursault (ich muss das noch mal genau erodieren) und der Brie eine perfekte Symbiose im Sinne eines ganzheitlichen und nachhaltigen Ansatzes bilden. Ich war kurz davor den Käse- und Weinkeller auszurauben. Was wir weniger gefiel war die Tatsache, dass der Maitre um die dickbusigen Nagelmodelliererinnen rumscharwänzelte und die begleitenden Billigweine bis ins letzte Detail erklärte. Das kann man natürlich auch anders auslegen - Kenner lässt man in Ruhe.
Mein Glas weinte nur mal kurz bei der Vorspeise, sonst hat das tadellos geklappt.
Dessert gewinnt immer! Naja, fast.
Als es aufgetragen wurde kam mir so ein Gedanke. Wer jetzt immer noch liest weiss welcher.
Creme brulee kann echt jeder, die Früchte im Glas waren Früchte im Glas und das Vanilleeis hätte deutlich vanilliger ausfallen können. Natürlich ess ich das gerne, aber das war unter meinem persönlichen Niveau. Das kann ich besser. Deutlich besser.
Zum Abschluss trinken wir gewöhnlich den obligatorischen Espresso und einen Digestif für den ich bereit bin einen Haufen Geld auszugeben. Ein Armagnac von 1904 für 240 Euro geht deutlich zu weit. Aber irgendwas aus den 70ern für so 20 ist ok.
Serge kam und fragte nach Wünschen. Wir wünschten Espresso und ich weltgewandt nach einem Brand aus der Normandie. ‘Ah, Calvados!‘, sagte er.
Ich: ‘Jep’.
Und da hätte ich jetzt erwartet, dass er mir einen Wagen mit fünf Flaschen bringt. Von dem von 1920 über den von 1944 (original von den Amis beschossene Flasche) über den von 1950, 1960, 1970 und so weiter. Nix.
Er hat mir grad den Überchardonnay aus dem Burgund für 77 Euro verkauft und fragt mich nicht welchen Calva ich wünsche. Er bringt halt einen, sehr blassen. Er war sehr gut, aber ich wär gerne gefragt worden.
Fazit dieses wirklich schwierigen Restaurantbesuches:
Das Essen war sehr gut, ordentliches Handwerk, aber ohne jede Überraschung. Das bring ich locker selber hin. Das bring ich sogar besser hin.
Der Service war gut, aber es entsprach bei weitem nicht dem was ich erwartet hatte.
Ich war ganz gut aufgehoben, aber von einem Stern ist der Ochsen so weit entfernt wie der Mond von der Erde.
Es gibt noch einen Pluspunkt: Die Vitrinen mit den Laguiole Messern. Als erklärter Fan dieser Messer gefällt mir das. Johann würde versuchen mir sie zu verkaufen (zwecklos, hab ich schon), den Franzosen ist das scheissegal. Keine Ahnung warum sie das Zeug da ausstellen.
So sind sie halt, unsere Freunde. Sie hassen Ausländer.
